Die Bunte Feder

Einblicke in die Winterausgabe 2020

Winterausgabe 2020

Titelbild: „Regenbögen“, SchülerInnen der Klasse 3
Die Bilder sind im Kontext der Schöpfungsgeschichte entstanden („Am siebten Tag ruhte Gott und besah alles was er geschaffen hatte und er sah alles war gut so. Gott gab die Erde in die Obhut des Menschen.“)

Inhalt
Vorwort
Jahreszeitenbrief
Die kurze Nachricht
Aus der Kinderkrippe
Aus der Pädagogischen Werkstatt – Klasse 3
Aus der Pädagogischen Werkstatt – Klasse 4
Unterwegs: Landwirtschaftspraktiukum
Veranstaltungen: Oberstufenforum
Gastbeitrag: Schulsozialarbeit
Aus dem Verein

Leseproben

  • Aus dem Kindergarten – Der Reigen

    Musikalisch, rhythmische Tänze als Erziehungsmittel

    Der Reigen ist ein fester Bestandteil im Tagesablauf des Kindergartenalltags. Doch was genau versteht man unter dem Begriff „Reigen“? Und warum ist er ein wichtiger und nötiger Bestandteil des Alltages?
    Schaut man sich zunächst die sprachliche Bedeutung des Wortes an, weiß man schnell, um was es sich bei einem Reigen handelt. „Reigen“ lässt sich aus dem altfranzösischen Wort „raie“ in „Tanz“ übersetzen.

    Tanzen begleitet die Menschheit durch die Jahrtausende und ist nach wie vor eine beliebte Art, seinen Gefühlen künstlerisch Ausdruck zu verleihen. Wie der Philosoph und Kirchenlehrer Augustinus von Hippo um 400 n. Chr. sagte: „Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel nichts mit dir anzufangen.“1

    Der Reigen ist eine besondere Form des Tanzes. Es handelt sich hierbei um Gruppentänze, die gerne im Kreis stattfinden. Geschichtlich findet man sie oft in Volkstänzen. Zunehmend finden sie in der Pädagogik und verschiedenen Therapien Verwendung.

    Rudolf Steiner hat die Bedeutung von musikalisch-rhythmischen Tänzen erkannt: „Im frühen Kindesalter ist insbesondere wichtig, dass solche Erziehungsmittel wie zum Beispiel Kinderlieder möglichst einen schönen rhythmischen Eindruck auf die Sinne machen. Weniger auf den Sinn, als vielmehr auf den Klang, ist der Wert zu legen. Je erfrischender etwas auf Auge und Ohr wirkt, desto besser ist es. Man sollte nicht unterschätzen, was zum Beispiel tanzende Bewegungen nach musikalischem Rhythmus für eine organbildende Kraft haben.“2

    Was bedeutet diese Erkenntnis für uns ErzieherInnen und wie können wir den Kindern eine Umgebung schaffen, damit sie diese „Erziehungsmittel“ wahrnehmen und annehmen können?

    Man stelle sich einen Raum voller Kinder vor, die lebhaft miteinander spielen und mit ihren Phantasiekräften den Raum neu gestalten. Und nun eine Erzieherin, die mit Leichtigkeit einzelne Gegenstände aufräumt, sich zwischen den Kindern und ihren Spielstätten bewegt und dabei leise summend einen Takt vorgibt. Alles findet in einem nicht abgesprochenen, aber deutlich spürbaren Rhythmus statt. Wenn man sich bewusst ist, dass Kinder einen natürlichen Rhythmus in sich tragen und diesen immer bedienen, kann genau dieses Bild entstehen. Kinder summen gerne Lieder vor sich her oder bewegen sich rhythmisch in ihrem Tun. Ein Fußwippen hier, ein Kopfnicken dort. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man leicht in einen Reigen einsteigen.

    Dabei sind die Gruppe sowie die Jahreszeit bestimmend. Wenn man eine Gruppe hat, die viele neue, jüngere Kinder aufgenommen hat, fangen die Reigen mit leichten Elementen an. Dazu gehört das gemeinsame Laufen im Kreis oder der Kreis wird durch einen Stuhlkreis verdeutlicht. Ist die Gruppe schon lange konstant und man hat unter Umständen viele ältere Kinder dabei, kann man den Reigen schwieriger gestalten. So kann die Gruppe in zwei Kreise geteilt werden, die miteinander agieren sollten oder der Kreis löst sich ganz auf. Mit dazu kommt die Jahreszeit, die das Thema des Reigens vorgibt. Im Spätherbst sind in vielen Einrichtungen die Zwerge fester Bestandteil des Jahreslaufes. Sie sind als Elementarwesen ein Vorbote für den Winter. Im Geheimen kümmern sie sich um die Wurzeln der Pflanzen oder sind tief im Berge beim Arbeiten.

    Im Reigen die Wahrnehmung nacherleben

    Es gibt viele Reigen, verschiedene Texte und Lieder, die schon lange ihren Platz in der Waldorfpädagogik haben. Da nicht jeder vorgegebene Reigen sich für die Gruppe eignet, kann man mit verschiedenen Ideen den Reigen selbst gestalten. Dabei kommt es darauf an, die Gruppe und ihre Fähigkeiten im Blick zu haben und die Lieder und Texte so auszuwählen, dass sie gut begleitet werden können. Wichtig dabei ist die Vorbereitung des Reigens. Kinder leben, vor allem im ersten Jahrsiebt, durch Vorbild und Nachahmung. Nehmen Kinder eine Bewegung oder einen Klag wahr, möchten sie diesen von ihrem Innern nach außen transportieren. Sie möchten das nacherleben, was sie wahrgenommen haben. Dieses Streben beeinflusst das Ich des Kindes. Es wirkt sich auf die Sprache, das Wesen, die Gestik bis hin zur Gesundheit des Einzelnen, aus. Da das Nachahmen stark mit den Wesenssphären des Ich verwurzelt ist, ahmt kein Kind wahllos nach. Alles hat Bedeutung für das Kind. Es will die Erfahrungen nacherleben. Ja, es muss sie fast nacherleben. So können Kinder in ihren Leib hineinfinden. Wie wichtig ist es da, dass wir als Vorbild uns diesen Ablauf verdeutlichen. Naturgetreues Nachahmen und Nacherfahren. Haben Sie sich überlegt, wie ein Vogel fliegt? Welche Bewegungen würden Sie wählen? Und was ist der Unterschied zu einem Schmetterling? Wie würde dieser in Ihrer Nachahmung fliegen? Oder eine Biene?

    Kehren wir nun aber wieder zu den oben genannten Zwergen zurück. Nach dem Aufräumen wird die Mitte des Raumes freigehalten, damit dort der Reigen stattfinden kann. Mit einem kleinen Lied oder Vers holt man die Kinder in das Geschehen hinein.

    „Auf einem kleinen Berg, da hüpft ein kleiner Zwerg.
    Er ruft ganz laut: „Hallo! Ich bin der kleine Flo!“
    Er klatscht in die Hände. Alle machen mit!
    Jetzt stampft er mit den Füßen. Er ist richtig fit.
    Nun dreht er sich im Kreis. Dann setzt er sich nieder.
    Und ist auf einmal leis.“3

    Wenn alle Kinder sitzen, kann man mit einem kleinen Fingerspiel, wie zum Beispiel „Himpelchen und Pimpelchen“4 weiter machen. Nach einer kleinen Überleitung, in dem sich beispielsweise beide Zwerge recken und strecken müssen, kommt man wieder ins Stehen. Nun kann man verschiedene Lieder und Verse mit den Kindern gestalten.

    Allein bei diesem einfachen Reigen haben die Kinder unzählige Erfahrungsmöglichkeiten, die sie dringend brauchen. Sie erleben die Gemeinschaft der Gruppe, stärken ihre Sinne, und damit sind nicht nur die klassischen fünf Sinne gemeint, sondern die zwölf Sinne, die Rudolf Steiner für den Menschen erkannt hat. Sie können sich in einen Einklang mit der Welt bringen. Sie erfahren die Welt in ihrem Sein. Sie stärken ihren Körper. All diese wundervollen Erfahrungen können Kinder aus einem 15-minütigen Reigen mitnehmen. Ein wertvolles Geschenk, das wir nutzen, um den Kindern die Welt zu öffnen.


    Amelie Reich (Erzieherin)

     

    Quellen:

    1 www.aphorismen.de/zitat/149060 (25.10.2020)

    2 R. Steiner, Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft, 7. Auflage, Basel, Rudolf Steiner Verlag, 2014, S. 33

    3 www.auferstehungskirche-bebra.de/wp-content/uploads/2020/05/News2120-Fingerspiel-Der-kleine-Zwerg.pdf (25.10.2020)

    4 www.heilpaedagogik-info.de/fingerspiele/zwerge-wichtel/29-himpelchen-und-pimpelchen.html (25.10.2020)

  • Aus der Pädagogischen Werkstatt – Klasse 9

    Venus, Kupfer und Corona

    In der 9. Klasse steht das Kupfertreiben auf dem Programm des künstlerisch-praktischen Epochenblocks. In den 36 Unterrichtsstunden (6 Wochen mit je 6 Wochenstunden) stellen die SchülerInnen aus 1 mm starkem Kupferblech Gefäße und ähnliche Objekte (z.B. Schalen, Dosen, Öllampen, Becher, Glocken) in unterschiedlichster Gestaltung her. Zunächst wird mit einem speziellen Treibhammer auf einer Holzunterlage das weich geglühte Kupferblech mit kräftigen und zielgerichteten Schlägen „getrieben“.

    Nach jedem Bearbeitungsgang muss das durch die Hammerschläge wieder gehärtete Blech erneut ausgeglüht und danach von den dabei entstandenen Zunderschichten befreit werden. Wenn nach mehreren solcher Bearbeitungsgängen die gewünschte Form erreicht worden ist, muss die noch unregelmäßige und „beulige“ Fläche auf einem polierten Steckamboss mit nun sehr feinen und regelmäßigen Hammerschlägen „planiert“ werden.

    Erst dadurch erhält das Werkstück die nötige Spannung und die typische „Hammerschlagstruktur“ in der Oberfläche. Weitere Detailarbeiten (Randgestaltung, Boden, eventuell Lötungen, o.ä.) sowie das Polieren und Lackieren bringen das Werkstück dann zum Abschluss.

    Rhythmus und Sinne

    Das Kupfertreiben ist eine durch und durch rhythmische Tätigkeit, bei der gleichzeitig ungeteilte Aufmerksamkeit gefordert und gefördert wird. Kräftiges und entschlossenes Arbeiten im Wechsel mit sorgfältig-akkuratem und beinahe meditativem Arbeiten begleitet von den stets wachen und vielfältig angeregten Sinnen – das ist die Kurzfassung dieses pädagogisch wertvollen Gewerks, das perfekt in die Entwicklungsstufe der ausklingenden Pubertät und der fast erreichten sog. Erdenreife hineinpasst.

    Ideal, ja quasi unersetzbar für dieses Gewerk ist der Werkstoff Kupfer. Dessen plastische Bildsamkeit, die nicht nur – wie beim Eisen – im glühenden, sondern auch im kalten Zustand
    vorhanden ist, wird nur von wenigen anderen Metallen übertroffen. Dazu kommt der in der Welt der Metalle einzigartige warm-rote Glanz.

    Kupfer und Venus

    Womit wir zu der Frage kommen: Was hat denn Venus damit zu tun? Hier gibt es eine historische Dreier- bzw. Viererbeziehung. Die Bezeichnung „Kupfer“ rührt vom lateinischen „aes cyprium“ (Erz von der Insel Cypern) her. Cypern war in der Antike für seine reichen Erzvorkommen, vor allem von Kupfer, bekannt und umkämpft. Die dritte im Bunde war nun Aphrodite bzw. ihr römisches Pendant Venus. Beiden Göttinnen der Liebe und Schönheit wird bekanntlich die Insel Cypern als Geburtsstätte zugeschrieben. Venus wiederum soll ihre Schönheit in einem auf Hochglanz polierten Kupferspiegel bewundert haben, der noch heute in stilisierter Form das Symbol nicht nur für das weibliche Geschlecht, sondern auch für den Planeten Venus und das ihm von den Alchemisten zugeordnete Metall Kupfer ist.

    Kupfer und Corona

    Ach, und was war jetzt noch schließlich mit Corona? Kupfer hat neben Silber eine deutliche antimikrobielle Wirkung. Dieses schon seit der Antike bekannte Phänomen nutzen z.B. seit einigen Jahren verschiedene Kliniken im Kampf gegen multiresistente Krankenhauskeime. (Diesen fallen alleine in Deutschland jährlich schätzungsweise bis zu 20.000 Menschen zum Opfer.) Dabei werden Türklinken und andere Handkontaktflächen aus Kupferlegierungen hergestellt, auf denen Keime schneller absterben und somit weniger übertragen werden. Inzwischen wird schon von geschäftstüchtigen Menschen für den Hausgebrauch selbstklebende Kupferfolie als Mittel gegen Corona-Viren und andere Keime zum Kauf angeboten. (Aber bitte keine Hüte daraus basteln!)
    Aus diesem Grund hat sich bei der letzten Kupfertreibepoche die Benutzung von Handdesinfektionsmitteln praktisch erübrigt.

    Altes Handwerk kann hochaktuell sein, nicht nur pädagogisch.

    Matthias Brinkmann (L)